TH40 Umbau im Kollektiv

Bauvorhaben

Die eigens für das Bauvorhaben gegründete Genossenschaft Buntspecht wollte 2022 ihre Liegenschaft an der Thurtalstrasse 40 umbauen, mit dem Ziel, mehr Wohnraum für eine wachsende Gemeinschaft zu schaffen. Zusammen mit dem Nachbarshaus und den Bewohnenden in Bauwägen und Jurten, umfasste die Gemeinschaft bereits eine Familie und gut ein Dutzend Einzelpersonen. Es gab aber auch ein Hofladen vor Ort, welches von der Gemeinschaft bewirtschaftet wurde, eine Wagnerei, Atelierplätze, eine Bierbrauerei, ausserdem noch Enten, Hühner, Ziegen, einen grossen Obsthain und angebaute Felder.

Das inventarisierte Riegelbauernhaus aus den 1830er Jahren befindet sich im Dorfkern von Thalheim an der Thur am Rande des Kanton Zürichs. Zuletzt wurde es von einer Wohngemeinschaft genutzt. Mit diesem Umbau schufen wir mehr Platz für eine gemeinsam genutzte Küche im Erdgeschoss, welches auch von den Wagenbewohner:innen genutzt werden sollte und für eine Wohngemeinschaft im 1. Obergeschoss. Vor allem bauten wir das Dachgeschoss als Clusterwohnung für eine Familie aus. Das fast 200 jährige Gebäude musste ausserdem neu gedämmt, statisch ertüchtigt werden und benötigte eine neue Holzheizung.

Bauen im Kollektiv

Zur gemeinschaftlich organisierten Wohngemeinschaft und genossenschaftlich organisierten Bauträgerschaft sollte auch eine gemeinschaftlich organisierte Baustelle entstehen. So kamen die Planerinnen ELSE, der Bauleiter Tobias und nach und nach Einzelbetriebe mit einer gemeinsamen Fragestellung zusammen: Was brauchtes, um die Baupraxis kollektiver zu gestalten?

Das bau:kollektiv war ein Versuch die zeitliche und räumliche Trennung zwischen Planung und Ausführung im Bauprozess zu hinterfragen und verändern. Im Vordergrund stand eine enge Zusammenarbeit zwischen Planer:innen und Handwerker:innen.

Das Ziel war, planerische Leerläufe und Fehler, die durch das Abschieben von Verantwortung entstehen, durch gemeinschaftliche Planung vorzubeugen. Durch den Einbezug der ausführenden Person selbst während allen Planungsphasen, erhofften wir uns nicht nur konstruktiv und gestalterisch intelligentere und hochwertigere Lösungen: Der Einbezug persönlicher Fertigkeiten und Leidenschaften sollte überdies zu effizienteren Arbeitsabläufen führen und für ein spannendes und respektvolles Arbeitsklima sorgen.

Während mehreren Sitzungen im Vorfeld der Baustelle einigte man sich auf eine Art „Kodex“, welches folgende Punkte umfasste:

1. Arbeitsweise: Prozess statt Endprodukt

Ein Baubüro wurde auf der Baustelle errichtet, um die planerische Arbeit möglichst nah an das Baugeschehen zu situieren und für alle als Anlaufstelle zu dienen. Regelmässige Reflexionsmomente sollten einerseits Transparenz in Zeit- und Kostenplanung und andererseits die Anpassung des Bauprozesses an Unvorher-gesehenes ermöglichen. Die rollende Planung ermöglichte einerseits noch viele Entscheide vor Ort auf der Baustelle, setzte andererseits die Bauleitung unter mehr Zeit- und Leistungsdruck.

Leerläufe wie langes Umzeichnen der Pläne oder Kommunikationsfehler zwischen Gewerken konnten auf diese Weise aber durchaus verhindert werden.

2. Wissensaustausch statt starre Hierarchien

Um starre Zuständigkeitsbereiche und Kompetenzen aufzubrechen, setzte das Bau:kollektiv gezielt auf Wissens- vermittlung zwischen Handwerker:innen und Planer:innen. Diese Herangehensweise baute auf Kommunikation und Verständnis auf, statt auf Druck und Hierarchien. Gemeinsame Mittagessen, die von der Wohngemeinschaft vor Ort gekocht wurden, waren zentral während der Bauzeit und ebenso wichtig wie die formellen Sitzungen im Vorfeld der Baustelle.

3. Einheitslohn statt Offertendruck

Im Bemühen Hierarchien sowohl zwischen Geschlechtern, als auch Berufsgruppen abzubauen, wurden alle Leistungen zum Einheitstarif abgegolten. Dieser Punkt wurde während des Baus und danach viel diskutiert. Nicht zuletzt der Diskurs brachte eine oft-vermisste Transparenz in das Thema der Entlöhnung ein, welches hoffentlich auch in Zukunft behilflich sein wird.

Auf eine Ausschreibung mit Gegenofferten im klassischen Sinn wurde weitgehend verzichtet. Dafür mussten die Offerten bereits von Anfang an genau und nachvollziehbar aufgestellt werden. Die Offerten wurde mehrheitlich nach Aufwand mit einem Kostendeckel gestellt.

Baumaterial wurde direkt der Bauträgerschaft in Rechnung gestellt. So fielen intransparente Materialmargen weg. Im Gegenzug sollten alle Stunden der Handwerker:innen fair ausbezahlt werden.

Eine weitere Besonderheit ist, dass die Bauträgerschaft Arbeit im Wert von 50‘000Fr. in Eigenleistung ausführte. Dies beinhaltete unterschiedliche Arbeiten, von einfachen Hilfsarbeiten, Aufräumen der Baustelle, bis hin zu zwei mehrtägigen Lehm- und Malworkshops mit interessierten Teilnehmenden.

4. Material: so wenig wie möglich, so viel wie nötig

Baumaterialien wurden möglichst lokal bezogen und ihre Beschaffung möglichst früh in den Planungsprozess einbezogen. Dies bedeutete eine Einbindung von lokalen Ökonomien, Landschaften und Personen.

Die beschädigte Bausubstanz wurde wenn immer möglich ertüchtigt oder ergänzt. Ausser beim Fundament wurde mit diffusionsoffenen, Erdöl-freien Materialien gearbeitet, die wiederum biologisch abbaubar oder recyclebar waren. Es wurde darauf geachtet, dass die Materialien so gefügt sind, dass sie gut wieder auseinander genommen werden können. Im ganzen Haus werden die Strom- und Wasserleitungen „auf Putz“ verlegt, was den Unterhalt erleichtert und ein eventuelles Weiterbauen nicht behindert.

Architektur: Frage nach dem Wert

Architektur wurde als fortwährender Prozess verstanden. Es wurde kein fertiger Entwurf umgesetzt, sondern fortlaufend Möglichkeiten für Veränderungen, Ergänzungen und Austausch geschaffen. Deshalb bevorzugte das bau:kollektiv auch die Wiederverwendung von Bauteilen und rückbaubare Konstruktionen. Sie war an einer architektonischen Sprache interessiert, die diese Prinzipien zelebriert und zum Ausdruck bringt.

Auch nach Abschluss des Projekts treibt uns diese Frage um: Sieht man dem Bau seine vielen Beteiligten an? Ist der Prozess an dem Endprodukt ablesbar? Sind die Details feinfühliger, intelligenter gelöst? Werden die nachvollziehbar gestalteten Konstruktionen bei zukünftigen Umbauten auch wirklich nützlich sein? Und: welcher Wert hat ein solches Projekt innerhalb der zeitgenössischen Baukultur?

Bauherrin: Genossenschaft Buntspecht, Thurtalstrasse 40, 8478 Thalheim an der Thur

Ingenieur: Urs Oberli

Bauleitung: Tobias Metzger, Milena Buchwalder, Sonja Flury

Zimmerei: Laura Peisker, Rosa Martz mit Unterstützung von Valerio Bruegger, Falko Horb, Michael Wunderle, Florian Zehnder

Schreinerei: Tobias Metzger, Philippe Wessling, Nadine List

Malerei: Johanna Vogelsang, Andreas Meier

Lehmbau: Theo Baath, Arno Labouré

Fliesen: Christian Bechter

Sanitär: Julian Scheiwiller, Arbatherm: Patric Grin

Heizung: Arbatherm: Patric Grin, Menderes Sacipi, Egzon Ramaj

Strom: ARBA Strom: Christoph Steiner

Fensterbau: Max Aeschbacher AG: Kurt Aeschbacher

Fotos Projekt: Pierre Marmy

Fotos Bauprozess: Walter Jordi

Eigenleistungen von: Lea Jansen, Michael Jansen, Jürg Suter, Walter Jordi, Christine Jordi, Ella Bachetta, Milena Buchwalder, Janic Caduff, Rezan Dalgic, Vanessa Danuser, Charis Gersl, Elena Geser, Sofia Gloor, Sonja Flury, Falko Horb, Gian Hugi, Elisa Nadas, Tobias Metzger, Leopold Strobl, Jonas Ovenstone, Rebecca Ovenstone, Mirco, Henrik, Matthias

Planungsbeginn Januar 2022, Baubeginn April 2023, Fertigstellung Dezember 2023